Ich komme, wir ihr inzwischen vielleicht wisst, aus dem Sauerland. Wir hatten damals nur Englisch in der Schule. Aber da die Stadt nunmal eine Partnerschaft mit einer ähnlich großen französischen Stadt unterhielt - und immer noch unterhält - gab es halt trotzdem einen deutsch-französischen Schüleraustausch...jedes Jahr. Ein Jahr durften die Hauptschüler fahren, das andere Jahr die Gymnasiasten - immer im Wechsel. Immerhin lernten ja die französischen Schüler deutsch. Ich nehme es vorweg: Wir haben uns wegen der Sprachbarriere nicht wirklich gut unterhalten. Ungefähr ein halbes Jahr vorher konnten wir (freiwillig) einmal die Woche nach Unterrichtsende noch für eine Stunde in der Schule bleiben, weil eine Lehrerin einen Crashkurs in Französisch anbot. Da ich eigentlich recht sprachbegeistert bin, habe ich dort natürlich teilgenommen.
Aber mal ehrlich. Wieviel Sprache kann man lernen mit einer Stunde pro Woche in 6 Monaten? Nicht viel - zumal auch einige Stunden ausfielen. Ich konnte die Wochentage aufzählen, bis 20 zählen, ein paar Monate konnte ich aufsagen und mich vorstellen. Das war's. Ich hätte nicht nach dem Weg fragen können oder was zu essen bestellen. Und ich hätte wohl keinen Franzosen verstanden, wenn er mir auf meine Fragen geantwortet hätte :-) Im Englischen war ich ziemlich fit. Aber das lag/liegt den Franzosen ja nicht so. Von daher blieb es sprachlich schwierig.
Unser Schüleraustausch war im März 1997. Ich war gerade zarte 14 Jahre alt geworden, in der 8. Klasse der Hauptschule und hatte Deutschland erst einmal verlassen. Da waren wir mit meinen Eltern und der Familie meines Onkels in Holland, kurz hinter der Grenze in einem Museum. Auch aus NRW war ich bis dahin höchtens 2-3 mal rausgekommen - auch bei Ausflügen mit meinen Eltern in benachbarte Bundesländer.
Mit 2 großen Reisebussen - einem normalen und einem Doppeldecker - ging es früh morgens los. Weil die Busfahrer ja eine längere Pause zwischendrin einlegen mussten, haben wir auf dem Hinweg am Schloss Versailles (bei Paris) gehalten. Während wir dort eine Frührung mitmachten, haben die Fahrer pausiert.
| Eingangsbereich von Versailles |
| Schloss Versailles |
| Garten von Schloss Versailles |
Von Versailles ging es endlos über französische Autobahnen, vorbei an einem Asterix und Obelix Freizeitpark, bis zu unserem Ziel: die Bretagne. Genauer gesagt, das Örtchen Locminé (etwas über 4.000 Einwohner). Dort wurden wir in der Schule empfangen und auf unsere Familien verteilt.
| Die Schule in Locminé |
| Solène und ich vor ihrem Haus |
Strange wurde es, als es hieß, ich müsse mir mit Solène das Bett teilen. Gut, es war breit (ein französisches Bett - 140 x 200 cm), aber trotzdem. Mit 14 Jahren kann man sich was besseres vorstellen, als sich mit einem "fremden" Mädchen das Bett zu teilen. Die erste Nacht war furchtbar. Der Gestank der Hühnerkacke waberte durch alle Räume und Solène zog mir dauernd die Decke weg. Viel geschlafen habe ich nicht.
| Besuch eines Hügelgrabes in Carnac |
| Zum ersten Mal am Atlantik - Belle Ile en Mer |
Zu unseren kulturellen Zielen gehörten unter anderem
- die Steinreihen und Hügelgräber von Carnac
- die Stadt Quimper
- die Insel Belle Ile En Mer, die wir mit der Fähre von Quiberon aus erreichten
- Lorient und
- der Pointe du Raz (der westlichste Punkt Frankreichs)
| Pointe du Raz |
| Chateau de Suscinio, südl. von Vannes |
In den 10 Tagen merkten wir dann auch, dass wir nicht ganz so viel gemeinsam hatten. Solène war mit ihren fast 15 und ich mit meinen gerade mal 14 Jahren doch um einiges reifer als ich. Die Interessen klafften doch weit auseinander. Ich war jedenfalls immer froh, wenn unsere Klasse so einen Ausflug gemacht hat, und wir nicht mit den Gastfamilien zusammen waren.
Abends war natürlich immer Freizeit angesagt. Es wurde in einer Kneipe Billard gespielt oder sich so irgendwo getroffen - immer mit den Franzosen, die sich meistens echt bemühten, uns irgendwie mit einzubinden - einige sprachen sogar richtig gut deutsch und wurden quasi zum allgemeinen Dollmetscher ernannt. Einen Abend fuhren wir mit dem Bus in den Nachbarort auf eine Kirmes. Das war echt lustig. Nervig war nur, dass wir die ca. 5 km dann abends im Dunkeln heim laufen mussten.
Die 10 Tage in Frankreich gingen schnell rum. Die 16-stündige Rückfahrt ging dann auch wieder mit einem Zwischenstopp. Dieses Mal haben wir direkt in Paris gehalten! Das erste Mal in meinem Leben in einer Weltmetropole :-) Wir waren allerdings schon recht spät am Nachmittag bzw. frühen Abend dort. Wir haben den Triumpfbogen gesehen, sind kurz über die Champs Élysées gelaufen und wir waren am Eiffelturm. Ich könnte mich heute noch in den Hintern beißen, weil ich mich damals nicht rauf getraut habe. Aber da war ich mit der Höhenangst noch weit entfernt von Gut und Böse.
An der Seine waren viel Künstler unterwegs. Einer fuhr coole Stunts mit Inlineskates. Während er zu uns guckte und winkte, knallte er gegen das Geländer über der Seine und kippte hinüber - und war verschwunen. Wir dachten, er wäre in den Fluss gestürzt! Aber nein! War alles Teil der Show. Denn er hockte auf einem Sims etwas unterhalb vom Geländer und amüsierte sich köstlich über unsere erschrockene Reaktion.
Rund um den Eiffelturm waren "Jameikaner" (jedenfalls sahen sie so aus) und haben geknüpfte Armbändchen verkauft. Die haben mit uns an dem Abend einen Haufen Geld verdient, denn wir mussten alle unsere französischen Münzen loswerden. Damals gab es ja noch keinen Euro und die Bank wechselte nur Scheine zurück in D-Mark. Also haben 2 Reisebusse voller Schüler unter dem Eiffelturm "Freundschaftsbändchen" gekauft.
| Eiffelturm |
| Notre Dame |
Ein paar Monate später war dann wieder Schüleraustausch. Dieses Mal kamen die Franzosen zu uns. Meine Austauschschülerin hat meine Eltern in den Wahnsinn getrieben, denn sie verliebte sich in einen Schüler, der zwei Jahrgänge über mir war und im nächsten Dorf wohnte (der große Bruder eines Klassenkameraden). 10 Tage mit einem hormongesteuerten, rosa-rote Brille tragenden, französischen Teenager, für den sie auch noch die Verantwortung trugen. Es war die Hölle! Auch für mich, denn ich hatte sie ja die meiste Zeit um mich und musste mir ihr gejammer anhören, wann sie denn endlich wieder zu ihrem Liebsten könnte.
Der Schüleraustausch war eine tolle Erfahrung, aber ich kann sagen, dass er für mich persönlich etwas zu früh war. Ich war gerade 14 geworden und war einfach noch nicht soweit. Auch die vielen kulturellen Sachen, die wir in der Bretagne gemacht haben, interessierten mich damals herzlich wenig. Das ist Schade, denn heute würde mich das alles sehr interessieren und ich hab kaum Erinnerungen daran. Vielleicht schaffe ich es irgendwann nochmal dort hin :-) Ob man heute auch Englisch spricht? Oder sollte ich wohl doch besser noch etwas Französisch lernen? :-D
ah schön ein neuer Beitrag, den ich leider jetzt um 5.22 erst sehe, wo ich fix zur Frühschicht muss :-) aber dann hab ich ja für später was zum Lesen, prima - und bei K. scheint es ja dann auch was Neues zu geben - ich bin mit lesestoff versorgt
AntwortenLöschenDas war ja mal interessant zu lesen und während ich es tat, dachte ich immer wieder genau das, was du dann am Schluss schreibst: wie viel anders und intensiver wir als Erwachsene so viele eigentlich spektakuläre Orte betrachten würden! Mir ging es mit anderen Orten und Erlebnissen ähnlich! Und 1997 - für dich ist es wahrscheinlich wahnsinnig lang her, für mich, die ich über 60 bin, das letzte Jahr in dem ich schwanger war und ein letztes Kind bekam ;-) Und deine persönlichen Erlebnisse haben bei mir zum Teil Bedauern (uh, mit einer Fremden in einem Bett...auch wenn es groß ist), zum Teil Belustigung (auch Baguettes bekommt man über) ausgelöst und auch den Gedanken, wie anders es woanders sein kann, auch wenn es nur gerade das Nachbarland ist. Und die Fahrkünste der Franzosen darf ich jeden Tag genießen - entweder rasen sie (und überholen mich hupend an ihrem eigenen Kindergarten-Zebrastreifen, wer fährt denn schon 30 wegen Kleinkindern..)oder sie trödeln mit 40 frühmorgens vor mir her...grrr - auf jeden Fall ein echt spannender Beitrag!
AntwortenLöschenJa, es gibt sehr viele Orte, an denen ich als Kind war, die ich heute gerne nochmal sehen würde, weil ich es damals öde fand. Als Kind kann man gerade kulturelle oder historische Dinge noch gar nicht richtig würdigen. Und in Freiburg gibt es ja auch viele Franzosen. Deren Fahrkünste kann ich daher auch weiterhin "bewundern" :-D Ich glaube, Franzosen und Zebrastreifen sind so ein Fall für sich. Die müssen ja an ihren eigenen Zebrastreifen nicht zwangsläufig anhalten, weil die ja auch mit Ampel ausgestattet sind. Daher fahren die hier auch einfach drüber, obwohl sie hier ja halten müssten. Der gefährlichste Ort Freiburgs ist Samstags der Zebrastreifen zwischen Ikea und Ikea-Parkhaus ;-)
LöschenUnd was ich noch zu schreiben vergaß: wie einfach wäre es heute, sich, wenn man sich verfahren hat, per Handy zu verständigen und wieder zusammenzufinden - ich dachte sogar in der ersten Sekunde, als ich von der Busirrfahrt las "warum haben sie sich nicht angerufen" - hihi - andererseits verlieren die Menschen heute, so wie ich das sehe, auch sehr viel Zeit gerade weil sie sich zuviel mit ihren Handys beschäftigen...alles hat Vor- und Nachteile, wie immer halt ;-)
AntwortenLöschenIch weiß gar nicht, ob die Busfahrer damals schon Handys hatten. Und selbst wenn, telefonieren im Ausland konnte sich ja damals keiner leisten! Ich weiß noch, dass ich von der Telekom oder der Post so eine Karte bekommen habe, mit der ich meine Eltern in Deutschland anrufen konnte, ohne die Telefonrechnung meiner Gastfamilie zu belasten. Das war so ähnlich wie eine Telefonkarte für die Telefonzelle (kennt die noch jemand?!), nur dass sie auch vom Festnetz funktionierte, mit einer komischen Zahlenkombination vor und nach der Telefonnummer von Daheim. Heute gibt es ja auch Navis für Busse. Ob es die Anfang 1997 schon gab, glaube ich nicht, denn die Handys hatten ja auch noch kein GPS. Wir waren ja so "analog" und haben trotzdem überlebt ;-D
LöschenUnd die Erwähnung von alteschachtel war ja nicht wegen einem neuen Beitrag, wie ich dachte, sondern wegen ihres Bretagnefotos, das hatte ich schon gesehen, musste es aber auch über einen alten Beitrag kommentieren, weil ich nach wie vor seit einiger Zeit ihre aktuellen Posts nicht mehr kommentieren kann, warum auch immer
AntwortenLöschenWitzig, wozu einen alte Bilder "verleiten" können...:-) Sowas wie Schüleraustausch gab es in meiner Jugend nicht (bin ja in der DDR groß geworden). Aber einen Schulausflug nach Leningrad (jetzt Petersburg) habe ich mitgemacht, in der Faschingszeit- danach konnte ich jahrelang keinen Sekt mehr trinken...noch Fragen?! *grins*
AntwortenLöschenNaja, einen "Schulausflug" nach Leningrad....das war ja dann trotzdem eine größere Reise. Ist ja auch nicht gerade um die Ecke ;-) Petersburg ist ja toll. Leider kenne ich es nur von Fotos, weil meine Freundin - die jetzt in der Schweiz lebt - ja lange dort gearbeitet hat.
LöschenCarnac, Quimper und den Point du Raz haben wir übrigens in unserem Urlaub auch gesehen, aber wir waren ja "schon" erwachsen bei unserer Reise, und da war das Ganze dann doch schon sehr bewußt ausgesucht und angesehen...
AntwortenLöschenJa, ich würde diese Orte heute auch mit ganz anderen Augen sehen. Wenn ich mich recht erinnere war die Kathedrale in Quimper schon recht beeindruckend :-) Hatten die nicht so eine schöne Altstadt mit verwinkelten Gassen? Wenn ja, dann hab ich mir da tolle Ohrringe gekauft, die ich dann doch nicht tragen konnte, weil sie so viel Nickel enthielten, dass mir nach 15 Minuten die Ohren weh taten. Und ich hab mir einen magnetischen Nasenstecker gekauft. Alle dachten, ich hätte mich wirklich piercen lassen. Für 20 Minuten war ich das coolste Kind im Bus ;-D Dann musste ich niesen und das Teil ist rausgefallen.
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